HANNOVER MESSE 2019, 01. - 05. April
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Dominik Schiener

Kryptowährung oder Protokoll?

Mit der Industrie hatte Dominik Schiener bis 2015 gar nichts zu tun. Der Berliner mit Südtiroler Wurzeln gründete nach dem Abitur ein Startup nach dem nächsten, ging pleite, verlor sein Vermögen, versuchte es erneut und ist zusammen mit seinen drei Mitgründern David Sønstebø, Sergey Ivancheglo und Serguei Popov von IOTA eben seit 2015 jetzt ein Vielumworbener von der Industrie.

Sein Produkt: eine Kryptowährung. Er spricht lieber vom Protokoll. "Wir haben damals nicht an die Industrie gedacht, wir wollten die Kommunikation und den Austausch von Werten im Internet der Dinge vereinfachen und sicherer machen," erklärt Schiener. Die Kryptowährung IOTA war geboren. "Wir glauben nicht an den ganzen Coins-Hype."

Doch dieser „Coins-Hype“ lässt auch manche Industrievertreter träumen. Mit der Blockchain-Technologie sollen bürokratische Hürden abgebaut und Verträge künftig von Computerprotokollen abgewickelt werden. Stichwort: Smart Contracts. Man könnte fast meinen, die Industrie spekuliere auf Transfers unter Maschinen. Wenn also Roboter sich gegenseitig mit Kryptowährungen entlohnen und steuern oder Lkw das Führungsfahrzeug beim Platooning bezahlen, sind dann limitierte Bitcoins dafür geeignet? Ist die Blockchain tatsächlich die richtige Technologie dafür? „Nein, die Blockchain ist nicht skalierbar, wir gehen mit IOTA einen anderen Weg“, meint der Gründer selbstbewusst. IOTA basiert auf dem sogenannten „Tangle“ (Wirrwarr). Im Gegensatz zur eindimensionalen Blockchain, die nur in eine Richtung wachsen kann, kann das mathematische Konzept des Tangle an vielen verschiedenen Stellen gleichzeitig wachsen. Einfach gesagt: Wenn also die Blockchain-Transaktionen in einer Kette abgebildet werden, nutzt IOTA dafür ein ganzes Netzwerk. Ein weiterer Unterschied ist, dass der Tangle nicht mehr auf Miner angewiesen ist.

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Dominik Schiener

IOTA soll so leichtgewichtig sein, dass sogar kleine Embedded-Systeme wie Rechner in Autos, Smartphones oder Drohnen diese Transaktionen verarbeiten können. Gebühren fallen damit komplett weg. Jeder Netzwerkteilnehmer bezahlt quasi mit seiner eigenen Rechenleistung. Der Vorteil: Mit steigender Transaktionsrate, also mehr Anwendern, steigt auch die Skalierbarkeit. Das System skaliert immer weiter. Was heißt: Je mehr Teilnehmer und Transaktionen das System hat, desto schneller wird es, heißt es bei IOTA. Die Zeit zwischen dem Stellen einer Transaktion und der Validierung geht im Grunde gegen 0, sobald man eine gewisse Größenordnung erreicht hat. Löst IOTA das Latenz-Problem?

„Wir sind noch nicht production ready, wir müssen das Protokoll weiterentwickeln und auf die Industriebedürfnisse anpassen“, schränkt Schiener ein. Er und seine IOTA-Stiftung wollen in den nächsten Monaten von der Industrie lernen, wollen Prozesse verstehen, um gemeinsam herauszufinden, wo IOTA in die Systeme integriert werden kann und wo es Sinn machen kann. „Wir erleben in den Projekten einen Mix aus dezentraler und zentraler Steuerung“, erklärt Schiener. Er und seine Mitstreiter forcieren ein offenes Ökosystem und wollen viele Industriepartner gewinnen. Deshalb überführten sie ihre Idee in die Stiftung. „Unser Ziel ist, ein unabhängiges IoT-Protokoll zu schaffen und die Barrieren abzubauen.“ Und wie verdient er sein Geld? „Ich habe IOTA-Anteile. Von der Wertentwicklung zahle ich meine Miete“, sagt er und lacht dabei. Kann IOTA mehr als nur Werte sicher transferieren?

„Wir glauben nicht an den ganzen Coins-Hype.“

Dominik Schiener

Ja, meint Schiener. Das System steuert bei Bedarf den Roboter simultan. Es sagt ihm, so die Vision der Ingenieure: „Dreh dich jetzt nach rechts, hole dieses Paket und empfange und bezahle ein neues Firmware-Update heute Nacht um 2:00 Uhr.“ Zudem können Unternehmen all ihre Produkte auf der Basis von IOTA miteinander verbinden und steuern, ein Thema für die Industrie 4.0, behaupten die Vordenker. „Das ist eine echte Alternative zu Cloud-Lösungen“, erklären die IOTA-Verantwortlichen von Fujitsu, Partner von Schiener und seinem 60-köpfigen Team. „Wir können mit IOTA darüber hinaus digitale Zwillinge erzeugen, weil uns die Maschine ja nicht verfälschbare Daten zurückliefert, die wir nutzen können, um Maschinen zu kontrollieren oder Prozesse zu testen oder live zu fahren“, prophezeit der Berliner.

Und die Industrie? Robert Bosch Venture Capital hat in IOTA investiert. Volkswagen startet 2019 sein erstes IOTA-Projekt, Sopra Steria und Fujitsu sind dabei, aber auch Industrial-Security-Startups sehen eine Chance in IOTA, Prozesse sicherer zu machen. Auf der HANNOVER MESSE 2018 zeigte DXC bereits Anwendungen. Und der Mittelstand? „In Ostwestfalen gibt es auch schon erste Gespräche“, verrät Schiener, mehr darf er nicht verraten. „Wir gründen Ende 2019 ein Konsortium, in dem sich die Industrieunternehmen engagieren können“, verspricht Schiener. Was fehlt für den Durchbruch? „Wir brauchen sichere Verbindungen, bei autonomen Autos, bei Maschinen oder Energieanlagen. Es hängt alles an 5G.“