Mindestens 20 Euro sollte ein CO2-Zertifikat kosten, um Industrieunternehmen zu Investitionen in den Klimaschutz anzuregen. Das haben Experten berechnet. Im vergangenen Jahr allerdings betrug der Zertifikatepreis laut Bundesfinanzministerium durchschnittlich nur 13 Euro. Im Januar 2012 rutschte er an der Leipziger Strombörse gar auf 6 Euro ab. Ein Grund für den Sinkflug: Seit Jahresbeginn nimmt auch der Flugverkehr am Emissionshandel teil – das Angebot an Zertifikaten übersteigt jetzt noch deutlicher die Nachfrage.
Das aber dürfte sich ändern: Ab 2013, wenn das System EU-weit von Brüssel aus geregelt wird, soll die Zahl der handelbaren Zertifikate verknappt werden. Alle Industriebetriebe mit einem CO2-Ausstoß von mehr als 10 000 Tonnen im Jahr werden ab diesem Zeitpunkt in den Handel einbezogen. Bislang nehmen nur thermische Kraftwerke ab 20 MW Leistung, Eisen- und Stahlhütten, Kokereien, Raffinerien und Cracker daran teil, außerdem Zement- und Kalkhersteller, die Glas-, Keramik- und Ziegelindustrie, Papier- und Zelluloseproduzenten. Zusammen machen diese etwa die Hälfte der europäischen Kohlendioxidemissionen aus.
Das European Union Emission Trading System (EU ETS) ist ein Instrument der EU-Klimapolitik: Unternehmen erhalten Zertifikate, die sie zum Ausstoß einer bestimmten CO2-Menge berechtigen. Nicht benötigte Papiere können weiterverkauft werden, etwa an der Strombörse EEX in Leipzig. Wer mehr CO2 ausstößt, muss Strafen zahlen oder Zertifikate zukaufen.
Zurzeit verhandeln die EU-Mitglieder über das 7. Umweltaktionsprogramm, das ab 2013 gelten und noch strengere Standards enthalten soll. Unabhängig vom Preis für CO2-Zertifikate wird damit der Druck auf die Industrie weiter steigen, nach Umweltlösungen zu suchen - sowohl in den Prozessen als auch mit Zusatzinstallationen wie CO2-Abscheidungsanlagen.
Carbon Capture and Storage (CCS) nennen sich Verfahren, mit denen CO2 aus Abgasen eingefangen und langfristig gespeichert werden soll. Dem Global CCS Institute zufolge befinden sich weltweit derzeit 74 große CCS-Projekte in Planung, Bau oder Betrieb. Das Problem: Die Abscheidung und der Transport von CO2 verbrauchen nach dem derzeitigen Stand der Technologie viel Energie und senken den Gesamtwirkungsgrad deutlich. Wissenschaftler suchen deshalb nach Verfahren, mit denen sich das CO2 aus Abgasen mit geringem Energieaufwand binden und risikoarm speichern lässt.
Welche Fortschritte CCS aktuell macht, lässt sich auf der HANNOVER MESSE 2012 beobachten: Auf den Leitmessen Research & Technology und Energy informieren z.B. Vattenfall, der Anlagenbauer Alstom und die Region Berlin-Brandenburg über entsprechende Projekte. Gebündelt finden sich Klimaschutz- und Umwelttechnologien auf der IndustrialGreenTec. Zu den Schwerpunkten dieser neuen Leitmesse gehören Verfahren zur Verminderung der Luftverschmutzung und die Erfassung und Überwachung von Umweltparametern und Schadstoffen. Auch CO2-Abscheidungsverfahren wie Post-Combustion, Pre-Combustion und die Oxyfuel-Technologie werden hier thematisiert.