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Industrial Pioneers

LOW CODE - Die neue Schatten-IT?

Im Siemens Werk in Amberg produziert das Unternehmen eines seiner wichtigsten Produkte: die Simatic-Steuerung. Doch in der Oberpfalz werden auch Applikationen zum Download für Kunden entwickelt. App-Entwicklung neben der Hardware-Fertigung – wie geht das?

18.06.2019
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Bild: ©AdobeStock

In der Vergangenheit röntgte eine Maschine alle Produkte, um Fehler auszuschließen. Ein Algorithmus wertet definierte Prozess-Daten aus (in diesem Fall 40 verschiedene Datensätze) und gibt eine Wahrscheinlichkeit ab, ob in der produzierten Charge ein Fehler vorhanden ist. Basierend auf dieser Wahrscheinlichkeit wird entschieden, ob die Charge geröntgt werden muss. In der Vergangenheit wurden 100 Prozent der Leiterplatten geröntgt, dieser Aufwand konnte durch diesen Algorithmus um 30 Prozent reduziert werden – bei gleicher Qualität. Der Algorithmus wurde über einen bestimmten Zeitbereich angelernt (Machine Learning), indem die Prozessdaten mit den Ergebnissen des Röntgen-Automaten über einen längeren Zeitraum zusammengeführt wurden.

Der nächste Schritt: „Wir neutralisieren die Anwendung und stellen sie unseren Kunden und Partnern auf MindSphere zur Verfügung“, erklärt Ralf-Michael Franke, CEO der Siemens Geschäftseinheit Factory Automation. Eine neue Software, ein neues Geschäftsmodell ist geboren. MindSphere-Nutzer können dann die App mit ihren Produkten nutzen. Um so eine End-to-End-Anwendung zu programmieren, brauchten Entwickler in der Vergangenheit mehrere Wochen oder sogar Monate. Siemens setzt aber auf Low Code, auf Mendix, auf eine beschleunigte Entwicklung.

Apps für den App-store

„Low Code bedeutet, über visuelle Ansätze Applikationen zu entwickeln“, erklärt Oskar Möbert, verantwortlich für die Mendix-Integration in MindSphere. Und bei Scopeland Tech-nology ergänzen die Verantwortlichen: Bei Low-Code-Plattformen wird die eigentliche Software komplett und durchgehend mit einem cockpit-artigen Programm rein interaktiv und mit Drag and Drop aus vorgefertigten Funktionalitäten zusammengeklickt. Für seltene Ausnahmen, die man so auf Anhieb nicht umsetzen kann, werden kleine ‚Codeschnipsel‘ in der Sprache des Zielsystems programmiert, die auf das automatisch generierte Objektmodell zugreifen können und deshalb sehr einfach und verständlich bleiben. Low Code meint nicht nur, dass wenig Code manuell geschrieben werden muss, sondern soweit überhaupt, dann auch in einer relativ einfachen, allgemein verständlichen Art und Weise.

Low Code ist nicht neu, auch heute kommen schon im Engineering ähnliche Ansätze zur Anwendung. Aber Mendix und Co. gewinnen dank neuer Anforderungen der Industrie immer mehr an Bedeutung. Möbert beispielsweise braucht Anwendungen, die die Daten der Siemens Geräte auswerten und Kundenprobleme lösen. Ein App-Store ohne Apps verliert schnell an Attraktivität. „Anwendungen müssen heute schnell entwickelt werden, um Marktpotenziale zu testen. Bei Low Code reden wir nicht so sehr über die Technik, sondern die Idee der Mitarbeiter für eine neue App steht im Mittelpunkt“, versichert Möbert.

Schnittstelle zu HANA

Die Low-Code-Plattformen wie Mendix oder Simplifier versprechen schnellere Entwicklung und argumentieren auch immer wieder mit dem Fachkräftemangel in der IT-Entwicklung. „Ein Domainexperte, der sich mit einer SPS-Steuerung oder dem TIA-Portal auskennt, der kann auch mit Low Code Anwendungen schreiben“, verspricht Möbert. Fachkreise sprechen schon von der Schatten-IT. „Natürlich kann die klassische Entwicklungsabteilung den Low Code erweitern. Aber das braucht es oft gar nicht“, berichtet der Siemens-Manager. Maschinen-bauer können mit der neuen Form der Programmierung innerhalb von 15 Minuten Prototypen bauen, sie mit dem Kunden testen und dann weiterentwickeln.

Siemens erkannte den Trend und kaufte das Unternehmen Mendix, was viele Beobachter überraschte. Mendix brachte eine Community von über 60.000 Usern, Standard-Funktionalitäten, deren Entwicklung im Einzelfall teuer sind, und seit einigen Wochen auch eine Schnittstelle zu SAP HANA mit in die Verbindung ein.

Neben Mendix ist Simplifier eine bekannte Low-Code-Plattform aus Deutschland. Die Macher sitzen in Würzburg und bedienen mit ihrer Lösung unterschiedliche Branchen – Logistik, Energie oder Maschinenbau. Der Schweizer Maschinenbauer Bühler beispielsweise entwickelte mit Low Code verschiedene Anwendungen für unterschiedliche Endgeräte, die untereinander Informationen austauschen, um den gesamten Prozess digital zu vernetzen und so eine reibungslose Montage zu gewährleisten. Denn die Herausforderung bei Bühler war: Viele Bauteile im Lager ähneln sich stark, das barg Verwechslungsgefahr. Die Kommissionierung von falschen Bauteilen galt es zu minimieren. Zudem kam es während der Zulieferung zur Fertigung immer wieder zu unnötigen Verzögerungen, weil Bauteile nicht vorlagen. Grund hierfür waren oftmals Kommissionierwagen, die nicht lokalisiert werden konnten. Den dabei entstehenden Zeitverlust galt es durch eine lückenlose Überwachung der gesamten Produktionsschritte zu beseitigen. „Mit der Low-Code-Plattform Simplifier konnten die Anwendungen schnell konfiguriert und viel effizienter evaluiert werden, sodass ein produktiver Einsatz der Lösungen nicht mehr weit ist“, erklärt John Benad von der Industrie-4.0-Managementberatung Marktgut, die Bühler in dem Projekt unterstützte.

Was kann die Industrie lernen?

Und wie steht es um die Sicherheit? „Die etablierten Low-Code-Plattformen genügen heute bereits den höchsten Sicherheitsanforderungen, sind vielleicht sogar besser als manche handgeschriebene Software. Denn der Standardsoftwareansatz ermöglicht unter anderem auch Datensicherheit, Barrierefreiheit und vieles mehr ‚out of the box‘“, schreibt Karsten Noack in einem Expertenbeitrag bei IDG. Noack ist Gründer und CEO von Scopeland Technology. Dass die Low-Code-Technologie auch ideal für Großprojekte geeignet ist, beweist das von Scopeland Technology jüngst umgesetzte Projekt für die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE): Hierbei handelt es sich um eine mehr als 58 Fachmodule umfassende Software-lösung für die Fischerei-IT, bei der von circa 1,9 Millionen Zeilen Programmcode mehr als 99 % automatisch generiert wurden.

Anders als vielleicht zunächst erwartet hat sich beim Fischerei-IT-Projekt gezeigt, dass die Low-Code-Entwicklungsmethodik nicht auf Kosten der Stabilität, Performance, Sicherheit und sonstiger Qualitätsmerkmale einer Software geht, sondern deutlich weniger Programmfehler und sonstige technische Probleme mit sich bringt, so die Entwickler. Das sollte auch den Maschinenbau überzeugen.

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