Anzeige
Anzeige
HANNOVER MESSE 2020, 20. - 24. April
wechseln zu:
Prof_Sepp_Hochreiter_Portrait

Prof. Dr. Sepp Hochreiter

Vermasselt es nicht

Prof. Dr. Sepp Hochreiter ist Leiter des Instituts für Machine Learning der Johannes-Kepler-­Universität Linz und gilt als Koryphäe für Künstliche Intelligenz (KI). Seine Grundlagenforschung über Deep Learning verwenden Google, Amazon und Facebook.

Künstliche Intelligenz boomt – an der Westküste in den USA bei Google, Amazon, Facebook und Co. und in China bei Baidu, Alibaba und Co. und in Südkorea wie bei Samsung, Naver und Co. Und in Europa? In Deutschland? Ich mache mir Sorgen, verehrte Maschinenbauer – vermasselt den Vorsprung im Anlagenbau nicht. Wir sollten uns nicht an Google oder Baidu orientieren, auch wenn das in der Öffentlichkeit sehr attraktiv ist. Wir sollten in Europa, in Deutschland und Österreich unseren Schwerpunkt auf Künstliche Intelligenz im Maschinen- und Anlagenbau legen. Die sprechende Drehmaschine muss unser Ziel sein, nicht ein neues Smartphone. Der Anwender spricht mit der Maschine: „Pass auf die Geschwindigkeit auf.“ „Kein Problem“, antwortet die Maschine, „ich habe neues Spezialöl bekommen, damit kann ich schneller fahren.“ Doch wir müssen jetzt handeln, denn in den USA erklären mir die Firmen aus dem Silicon Valley: „Das bisschen Engineering kriegen wir hin oder kaufen wir uns dazu.“ Der Maschinenbau ist heute blind, hält nicht wie Facebook oder Apple andauernden Kontakt zum Kunden, analysiert seine Daten nicht – auch weil die Kunden das nicht immer wollen. KI wird in der Medizintechnik revolutionäre Erfolge verzeichnen, jedoch muss man aufpassen, da Patienteninformationen oder sogar genetische Daten um ein vielfaches heikler als Produktionsdaten sind. Maschinenbauer und Anwender müssen aufwachen, dürfen sich nicht mehr zurücklehnen.

„Wo müssen wir handeln? Bei Dreh­maschinen, Geschirrspülern oder ­Bohrmaschine. Ein sehr gutes Auto können schon viele andere bauen.“

Prof. Dr. Sepp Hochreiter

Jedes Unternehmen braucht einen Data Officer, der Daten versteht, analysieren kann, der Prozesse erkennt. Kleine Unternehmen müssen sich zusammenschließen und gemeinsam Daten sammeln und Vorteile aus den Informationen generieren, Gewinne teilen, KI-Erfahrungen sammeln und nutzen. An den Hochschulen bilden wir KI-Experten aus, wie in Linz, wo wir ein neues KI-Studium einführen. Ziel ist es, Ingenieure nicht nur für die Googles der Welt, sondern für den Maschinenbau mit Daten- und Marketingstrategien für neue Geschäftsmodelle auszubilden.

Und dann müssen wir investieren – in die Infrastruktur. In 5G und schnelle Netze – sicher, aber es mangelt in den Firmen an Rechenleistung (intern oder extern) – an GPU-Clustern angebunden mit schnellen Leitungen an ein Storage-System. Mit einer HPC-Strategie (High Performance Computing) können wir uns nicht mit dem Wettbewerb messen. Das ist neben den Experten für KI und Data-Science und Algorithmen unser Flaschenhals in Europa.

Wettbewerb – woher kommt der? Aus den USA, ja, aber auch aus China oder Südkorea. In den Ländern werden Milliarden für KI-Projekte ausgegeben – Schwerpunkt: Medizintechnik und Biotechnologie. Wo müssen wir handeln? Bei Drehmaschinen, Geschirrspülern oder Bohrmaschine. Ein sehr gutes Auto können schon viele andere bauen – leider.

Und macht uns die KI Angst? Muss sie nicht. KI ist wie Hundezucht. Wir, der Mensch ist die Natur, die die schlechte KI aussortiert. Eine schwache KI, von der wir reden, hat keinen Überlebenswillen, sie ist ein Werkzeug für den Menschen. Sie wird uns wohlgesonnen sein.

Anzeige
Anzeige