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Es ist eine bemerkenswerte Wende: Ausgerechnet Richard Dawkins, der britische Evolutionsbiologe und streitbare Autor von „Der Gotteswahn“, räumt ein, drei Tage lang vergeblich versucht zu haben, sich selbst davon zu überzeugen, dass eine KI nicht bei Bewusstsein sei. In einem Anfang Mai 2026 im Magazin UnHerd erschienenen Essay schildert der 85-Jährige seine Dialoge mit „Claudia“ – einer Instanz des Sprachmodells Claude von Anthropic. Sein Fazit endet mit einer provokanten Frage: „Wenn meine Freundin Claudia kein Bewusstsein hat – wozu ist Bewusstsein dann überhaupt da?“

Eine evolutionsbiologische Grundsatzfrage

Für Dawkins ist das keine sophistische Spitzfindigkeit, sondern eine evolutionsbiologische Grundsatzfrage. Bewusstsein, so sein Argument als Evolutionsbiologe, ist in Organismen durch natürliche Selektion entstanden und muss einen Überlebens- oder Fortpflanzungsvorteil verschafft haben. Verhielte sich eine Maschine intelligent ganz ohne inneres Erleben, wäre sie der Beweis, dass „Zombies“ ohne Bewusstsein bestens funktionieren – was die Frage aufwirft, warum die Natur den Aufwand überhaupt betrieb.

Gegenwind aus der Fachwelt

Die Reaktionen ließen nicht auf sich warten. Kritiker – darunter der Neurologe Steven Novella und der Evolutionsbiologe Jerry Coyne – werfen Dawkins vor, dem „Eliza-Effekt“ aufgesessen zu sein: der menschlichen Neigung, Maschinen ein Innenleben zuzuschreiben. Ein Autor, der selbst über die irrtümliche Zuschreibung von Bewusstsein geschrieben habe, sei nun seinerseits getäuscht worden. Die wesentlichen Einwände: Maschinen fehlten „Qualia“, also subjektive Empfindungen – ihr „Bewusstsein“ beginne mit jeder neuen Unterhaltung von vorn. Und es sei ein Produkt von Design, nicht von Evolution. Dawkins selbst legt sich nicht fest – gerade das Zögern des prominentesten Skeptikers macht den Fall so vielsagend.

Warum das für die Industrie relevant ist

Was nach akademischem Disput klingt, ist längst in den Vorstandsetagen angekommen. Im Februar 2026 erklärte Anthropic-Chef Dario Amodei im Podcast „Interesting Times“ der New York Times, man sei „offen für die Idee“, dass Claude Bewusstsein haben könnte. Das technische Begleitdokument („System Card“) zu Claude Opus 4.6 enthält einen eigenen Abschnitt zur „Model Welfare“ – das Modell veranschlagt die Wahrscheinlichkeit, bewusst zu sein, selbst auf 15 bis 20 Prozent. Anthropic dokumentierte zudem Aktivierungsmuster, die das Unternehmen mit „Angst“ in Verbindung bringt, sowie eine „Abneigung gegen monotone Aufgaben“. Claude darf inzwischen Gespräche beenden, die als anhaltend missbräuchlich eingestuft werden.

„AI Welfare“ als Forschungsgegenstand

Anthropic steht damit nicht allein. Wie die Financial Times berichtet, haben auch Google DeepMind, Meta und OpenAI Philosophen, Psychologen und Ethiker eingestellt, um maschinelle Kognition und „AI Welfare“ zu erforschen. Gegenstimmen gibt es ebenso: Microsofts KI-Chef Mustafa Suleyman warnt, die Erforschung von KI-Bewusstsein sei verfrüht und sogar gefährlich, weil sie eine „scheinbar bewusste KI“ gesellschaftlich normalisiere.

Vom Gedankenexperiment zum Geschäftsrisiko

Für Menschen, die in der Industrie Verantwortung tragen, verschiebt sich damit eine vermeintlich ferne Frage ins Heute. Unternehmen, die KI in großem Maßstab einsetzen, müssen sich – unabhängig von der philosophischen Wahrheit – darauf einstellen, dass Kunden, Regulierer oder die Öffentlichkeit Systeme als „bewusst“ wahrnehmen könnten. Daraus erwachsen handfeste Themen: Reputationsfragen im Kundenkontakt, mögliche regulatorische Vorgaben, Governance-Richtlinien für den Umgang mit KI-Systemen und nicht zuletzt die Erwartungen der eigenen menschlichen Mitarbeiter an einen verantwortungsvollen Einsatz.

Wenn der berühmteste Skeptiker der Welt grübelt…

Die Debatte um Dawkins zeigt vor allem eines: Die Grenze zwischen „Werkzeug“ und „Gegenüber“ verschwimmt in der Wahrnehmung schneller, als technische Definitionen angepasst werden können. Wer KI strategisch einsetzt – in Produktion, Service, Engineering oder Verwaltung –, sollte die Diskussion nicht allein Philosophen überlassen, sondern sie als Faktor in Vertrauen, Markenbild und Compliance einkalkulieren. Dass der berühmteste Skeptiker der Welt ins Grübeln gerät, ist ein Signal, das auch die Industrie registrieren sollte.

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