KI-Nation bis 2030?
18 Maßnahmen, messbare Ziele, ein Vergleich mit den USA und China, der wehtut, und eine Frist von zwölf bis achtzehn Monaten – was die Industrie vom Digital-Gipfel 2026 in Berlin mitnehmen kann.
6. Nov. 2026Teilen
Die Metallhand schließt sich langsam um die des Kanzlers. Friedrich Merz begrüßt am 2. November in den Berliner Wilhelm Hallen einen humanoiden Roboter von NEURA Robotics und sorgt damit für ein Bild, das den Anspruch dieses Digital-Gipfels symbolisiert, der 2006 als Nationaler IT-Gipfel begann: KI soll in Deutschland kein Bildschirmthema bleiben, sondern in Fabriken, Fahrzeugen und Maschinen ankommen. „Wir müssen, wir wollen Spitzenreiter werden“, sagt Merz in seiner Rede. Gut 1.000 Gäste sind geladen, darunter die Chefs von Mistral AI und Cohere, der kanadische KI-Minister Evan Solomon und der Turing-Preisträger Yoshua Bengio.
KI-Taskforce setzt ehrgeizige Ziele
Das Dokument des Gipfels heißt „Deutschland als KI-Nation 2030“. Es stammt von der KI-Taskforce, die der Nationale Sicherheitsrat im Sommer eingesetzt hat und die Staatssekretär Markus Richter im Digitalministerium leitet. Der Bericht bündelt 18 Schlüsselmaßnahmen in sechs Dimensionen und setzt Zielwerte für 2030: Mindestens 80 Prozent der Großunternehmen und 55 Prozent der kleinen und mittleren Unternehmen sollen KI einsetzen, mindestens zehn Prozent der Wirtschaftsleistung sollen KI-basiert entstehen, 90 Prozent der Bundesbehörden sollen wenigstens eine KI-Anwendung produktiv nutzen. Die KI-Rechenzentrumskapazität soll gegenüber 2025 um 300 Prozent wachsen, die Zahl der KI-Startups ebenso; zwischen Antrag und Inbetriebnahme eines Rechenzentrums sollen höchstens zweieinhalb Jahre liegen.
Zwölf bis achtzehn Monate
Die Taskforce verschweigt nicht, wie groß der Abstand ist. Die USA investierten 2025 privatwirtschaftlich rund 286 Milliarden Dollar in KI, China plant 295 Milliarden Dollar Staatsmittel für ein landesweites Rechenzentrumsnetz, Deutschland kommt auf 3,9 Milliarden Dollar privates Kapital. „Das Zeitfenster, um diesen Abstand zu verringern, schließt sich bald“, heißt es im Bericht. Die nächsten zwölf bis achtzehn Monate seien für die Weichenstellung entscheidend. Was die Maßnahmen kosten, lässt das Papier offen. Es begründe keine Finanzierungsentscheidungen, schreibt die Taskforce selbst.
Industrie als Vorreiterfeld
Die Regierung von Merz setzt auf zwei Varianten: Kurzfristig sollen industriell nutzbare Modelle entstehen, langfristig fördert die Hightech Agenda die Forschung an Weltmodellen und physischer KI. Deutschland wolle „nicht nur Nutzer von KI sein, sondern Vorreiter, insbesondere bei der industriellen KI“, sagt der Kanzler in der Pressekonferenz. Dafür verspricht er Entlastung: Maschinendaten und industrielle KI sollen auf EU-Ebene keiner Doppelregulierung mehr unterliegen, das Datenschutzrecht soll ausdrückliche Erlaubnistatbestände erhalten. Digitalminister Karsten Wildberger ergänzt, dass sich die Rechenzentrumskapazität bis 2030 verdoppeln und die KI-Rechenkapazität vervierfachen soll; mindestens eine europäische KI-Gigafabrik soll in Deutschland den Betrieb aufnehmen. Ein KI-Sicherheitsinstitut, AISI Deutschland, entsteht in Kooperation mit Kanada.
BDI fordert verbindliche Roadmap für Rechenleistung und physische KI
Der BDI nimmt die Regierung beim Wort. Deutschland laufe Gefahr, seine industrielle Basis bei Physical AI „durch zu langsame Investitionen und regulatorische Hürden“ zu verspielen, warnt der stellvertretende Hauptgeschäftsführer Holger Lösch und verlangt eine verbindliche Roadmap für Rechenleistung und physische KI.
Die Warnung aus Paris
Den schärfsten Satz des Gipfels sagt Mistral-Chef Arthur Mensch: Spitzenmodelle aus den USA und China würden zunehmend als Waffentechnik eingestuft. „Das bedeutet, dass sie unter Exportkontrollen fallen“, so Mensch. Europa könne von der nächsten Modellgeneration abgeschnitten werden und brauche deshalb eine eigene Modellfabrik für Reasoning- und Weltmodelle. Es fehle nicht an Talent, sondern an Kapital und Rechenleistung; der Aufbau sei ein industrielles Unterfangen vom Zuschnitt der zivilen Kernenergie.
Befunde und Preise
Das ifo Institut liefert zum Auftakt die Diagnose: Der IKT-Sektor trägt nur 4,6 Prozent zur Bruttowertschöpfung bei, bei IKT-Dienstleistungen importierte Deutschland 2025 Leistungen im Wert von elf Milliarden Dollar mehr, als es exportierte, und fehlende Fachkompetenz ist der häufigste Grund, warum Unternehmen geplante KI-Projekte nicht umsetzen. Der Thinktank „Agora Digitale Transformation“, der die Chancen der Digitalen Transformation zur Stärkung unserer Demokratie analysiert, rechnet vor, dass rund 800 Millionen Euro oder 0,15 Prozent des Bundesetats in KI-Projekte des Bundes fließen.
Die ersten „KI-Gipfelstürmer“
Zum Abschluss zeichnen KI-Bundesverband und Startup-Verband die ersten „KI-Gipfelstürmer“ aus: NEURA Robotics als Rising Unicorn, Langdock als souveräne KI des Jahres, Codesphere mit der Deutschen Telekom für die Kooperation des Jahres. „‚KI Made in Germany‘ ist kein Zukunftsversprechen mehr, sondern gelebte Realität“, sagt Wildberger. Die Zielwerte der Taskforce sind indikativ, das Geld dafür ist nicht bewilligt. Berlin hat Zielwerte genannt, an denen es sich messen lassen will. Ob die Frist hält, entscheidet sich nicht in Strategiepapieren, sondern in den Werkhallen.
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