Das neue Betriebssystem der Industrie
Der Digital Twin entwickelt sich vom Engineering-Werkzeug zum zentralen Element industrieller Steuerung. Erst vor wenigen Tagen skizzierten Siemens und Nvidia gemeinsam einen klaren Architekturrahmen, der Simulation, KI und Echtzeitdaten zusammenführt.
16. Jan. 2026Teilen
Für Industrieentscheider stellt sich damit weniger die Frage, ob digitale Zwillinge eingesetzt werden, sondern wie konsequent sie in bestehende Organisations-, Daten- und Entscheidungsstrukturen integriert werden. Wer diesen Schritt meistert, schafft die Grundlage für resilientere, flexiblere und wirtschaftlichere Produktionssysteme.
Die von Siemens und Nvidia vorgestellte strategische Weiterentwicklung des Digital-Twin-Konzepts geht weit über klassische 3D-Modelle und Engineering-Simulationen hinaus. Im Zentrum steht ein neuer, KI-gestützter Ansatz, bei dem digitale Zwillinge nicht allein abbilden, sondern aktiv industrielle Entscheidungen vorbereiten, bewerten und absichern sollen. Für die Industrie markiert die Ankündigung einen wichtigen Schritt hin zu digital gesteuerten Produktions- und Betriebsmodellen.
Industrielle Metaverse-Umgebungen in großem Maßstab
Siemens stellte auf der CES den Digital Twin Composer vor, eine neue Software innerhalb des Xcelerator-Portfolios. Der Composer führt Produkt-, Produktions- und Prozesszwillinge in einer gemeinsamen, fotorealistischen 3D-Umgebung zusammen und verbindet diese mit Engineering-, Automatisierungs- und Betriebsdaten. Technologisch basiert die Lösung auf NVIDIA-Omniverse-Libraries, bleibt aber tief in die Siemens-Welt aus PLM, TIA, Simulation und Automatisierung integriert.
Dauerhafte, konsistente Referenz des realen Systems
Der entscheidende Unterschied zu bisherigen Ansätzen liegt im Anspruch: Der Digital Twin wird nicht mehr als projektbezogenes Modell verstanden, sondern als dauerhafte, konsistente Referenz des realen Systems. „Vom umfassendsten digitalen Zwilling und KI-gestützter Hardware bis hin zu Copiloten in der Fertigung skalieren wir die Intelligenz in der physischen Welt“, kündigte Roland Busch, Vorstandsvorsitzender der Siemens AG, in Las Vegas an und prognostizierte, dass dieser einmalige technologische Wandel zu messbaren Ergebnissen führt: „Auf diese Weise können Unternehmen gleichzeitig Geschwindigkeit, Qualität und Effizienz erreichen.“ Konkret wird das bedeuten, dass Änderungen an Layouts, Materialflüssen, Taktzeiten oder Automatisierungskonzepten sich virtuell testen, bewerten und priorisieren lassen, bevor sie physisch umgesetzt werden. Siemens spricht von einer deutlichen Reduzierung unerwarteter Probleme sowie von messbaren Effekten auf Durchsatz, Investitionssicherheit und Time-to-Change.
Nvidia sorgt für physikbasierte Simulationsschicht industrieller Anwendungen
Für Nvidia ist die Partnerschaft mit Siemens ein zentraler Baustein der eigenen „Physical AI“-Strategie. Mit Omniverse positioniert sich der Chiphersteller nicht nur als Hardware- und KI-Plattformanbieter, sondern als physikbasierte Simulationsschicht für industrielle Anwendungen. In Kombination mit Siemens-Software entsteht ein durchgängiges Modell vom Engineering bis in den Betrieb – inklusive KI-Agenten, die Szenarien automatisch erzeugen, bewerten und optimieren können.
Vision eines „Industrial AI Operating Systems“
Beide Unternehmen sprechen explizit von der Vision eines „Industrial AI Operating Systems“, also von einer Plattform, auf der industrielle Prozesse nicht nur visualisiert, sondern aktiv gesteuert, optimiert und automatisiert werden. Für industrielle Anwender bedeutet dies eine neue Qualität datenbasierter Entscheidungen – vorausgesetzt, sie haben auch Themen wie Datenmodell-Governance, IT/OT-Integration und Cybersecurity im Griff.
Digitale Zwillinge auf dem Weg zum industriellen Standard
Die Dynamik rund um Siemens und Nvidia fügt sich in einen breiteren Markttrend ein. In den vergangenen Wochen haben mehrere Unternehmen gezeigt, dass digitale Zwillinge zunehmend in den operativen Kern industrieller Wertschöpfung vordringen. WuXi Biologics präsentierte mit PatroLab eine Digital-Twin-Plattform für die Bioprozess-Industrie, die Entwicklungs- und Produktionsphasen enger verzahnt und Risiken beim Scale-up reduziert. In der Prozessindustrie wiederum setzt Omega Simulation mit OmegaLand V4.1 auf dynamische digitale Zwillinge, die direkt mit Leitsystemen gekoppelt sind und so Closed-Loop-Optimierungen ermöglichen.
Digital Twins kommen selbst in hochkomplexen Feldern zum Einsatz
Auch strategisch wird das Thema breiter verankert: Dassault Systèmes investiert in neue Center of Excellence für Virtual Twin und KI, während Digital Twins selbst in hochkomplexen Feldern wie der Fusionsforschung oder der pharmazeutischen Serienfertigung eingesetzt werden, um Entwicklungszyklen zu verkürzen und Investitionsrisiken zu senken. Diese jüngsten Entwicklungsschritte zeigen, dass der Digital Twin vom Engineering-Werkzeug zum zentralen Element industrieller Steuerung befördert wird.
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