Europa wacht auf: KI-Rechenleistung als Basisgut
Wenn sich die Medienberichte bestätigen, entsteht in Deutschland eines der ambitioniertesten Infrastrukturprojekte Europas: Die Deutsche Telekom und die Schwarz-Gruppe sollen an einer gemeinsamen „KI-Datenfabrik“ arbeiten. Die Gespräche sind laut Handelsblatt weit fortgeschritten und verfolgen das Ziel, EU-Fördermittel für den Aufbau großskaliger KI-Rechenzentren zu gewinnen.
5. Dez. 2025Teilen
Eine Schlüsselrolle könnte das bereits im Bau befindliche Rechenzentrum der Schwarz-Gruppe in Lübbenau spielen, das perspektivisch bis zu 100.000 GPUs bereitstellen soll.
Dass die Lenker von zwei der bedeutendsten europäischen Konzerne den strategischen Handlungsbedarf erkannt haben, spiegelt sich in den jüngsten Ereignissen und Aussagen. „Ohne KI kann man die Industrie vergessen. Ohne KI kann man den Standort Deutschland vergessen“, stellte Telekom-Chef Tim Höttges kürzlich bei der Präsentation des in Kooperation mit Nvidia geplanten KI-Rechenzentrums der Deutschen Telekom fest. Und Gerd Chrzanowski, Komplementär Schwarz Gruppe, betonte vor wenigen Wochen auf der Schwarz Impulse Veranstaltung: „Wo andere Risiken sehen, erkennen wir Chancen und handeln voraus. Jetzt ist nicht die Zeit für Alleingänge – es braucht Partnerschaften und Kooperationen auf Augenhöhe, um die Zukunft und Rolle Europas in der globalen Transformation neu zu gestalten.“
Reaktion auf geopolitische Lage
Telekom-Chef Höttges und Schwarz-Chef Chrzanowski gelten als Initiatoren des Projekts „EU-AI-Gigafactory“. Damit reagieren sie auf die geopolitische Lage, denn laut einer von Höttges geäußerten Schätzung verbleiben rund 70 Prozent der weltweit verfügbaren KI-Chips in den USA, während Europa nur einen geringen Anteil erhält. Die geplanten Rechenzentren aber sollen alle Daten komplett in Deutschland verarbeiten – und ausschließlich durch europäische Mitarbeitende.
Souveräne KI-Infrastruktur aus Europa
Für die Industrie bedeuten die jüngsten Entwicklungen in Zentraleuropa vor allem eins: KI-Rechenleistung wird zu einem Basisgut wie Energie oder Transportinfrastruktur. Wer sie nicht besitzt, wird in Produktion, Automatisierung und Produktinnovation strukturell abgehängt. Die geplante KI-Datenfabrik adressiert genau dieses Defizit und könnte erstmals eine skalierbare, souveräne KI-Infrastruktur aus Europa heraus bieten – mit direktem Nutzen für die industrielle Wertschöpfung.
Datenschutz als Exportschlager
Eine Schlüsselrolle spielt dabei das bereits im Bau befindliche Rechenzentrum der Schwarz-Gruppe in Lübbenau. Auf dem Gelände eines ehemaligen Braunkohlekraftwerks entsteht für 11 Milliarden Euro ein KI-Rechenzentrum, das ab 2027 bis zu 200 Megawatt Leistung und perspektivisch bis zu 100.000 GPUs bereitstellen soll. Für Entscheider ist die Kombination aus vorhandener Energieanbindung, grüner Stromversorgung und politischer Unterstützung ein außergewöhnlicher Standortfaktor. Beim Spatenstich erklärte Schwarz-Digits-Co-Vorstand Christian Müller, dass man, obwohl das Zentrum in erster Linie dem eigenen Bedarf diene, Speicher und Rechenleistung auch externen Kunden anbieten werde. Die Tür für Industriepartner, die in sicheren europäischen Infrastrukturen KI-Modelle entwickeln oder betreiben wollen, scheint hier offen zu stehen. Müller lobte in diesem Kontext auch den in Deutschland geltenden Datenschutz und sagte in einem Gespräch mit der Bild, dass dieser sogar „ein Exportschlager“ werden könnten: „Die Regulierungen helfen, unsere Grundwerte zu schützen.“
Als Potenzialcluster in Europa einzigartig
Die räumliche und technologische Nähe zwischen dem Schwarz-Projekt in Lübbenau und der möglichen gemeinsamen AI-Factory mit der Telekom könnte für ein Potenzialcluster sorgen, das in Europa einzigartig ist. Wenn Rechenleistung, Energie-Infrastruktur, Regulierungssicherheit und industrielle Nachfrage zusammentreffen, entsteht für industrielle Großanwender – insbesondere aus Automobilindustrie, Maschinenbau, Logistik, Chemie und Gesundheitswesen – die Chance, KI-basierte Anwendungen lokal, datenschutzkonform und resilient zu betreiben, ohne auf US-Hyperscaler angewiesen zu sein.
Vom KI-Nutzer zum KI-Standortbetreiber
So verdichten sich die Zeichen, dass Deutschland die Entwicklung vom KI-Nutzer zum KI-Standort mit Nachdruck vorantreibt. Für Europa ergibt sich die Perspektive, eigene Innovationszyklen zu beschleunigen, um seine Rolle in der globalen Wertschöpfung neu zu definieren. Für Entscheider in der Industrie heißt es jetzt mehr denn je, frühzeitig strategische Partnerschaften, langfristige Rechenkapazitätsreservierungen und gemeinsame Entwicklungsmodelle in den Fokus zu nehmen. Mit Deutschland als potenziellem Kernstandort in Europa könnten die derzeit entstehenden Infrastrukturen zum Rückgrat einer neuen industriellen Wettbewerbsfähigkeit werden.
Aussteller zum Thema
Interesse an News zu Ausstellern, Top-Angeboten und den Trends der Branche?
Browser Hinweis
Ihr Webbrowser ist veraltet. Aktualisieren Sie Ihren Browser für mehr Sicherheit, Geschwindigkeit und eine optimale Darstellung dieser Seite.
Browser aktualisieren