KI für industrielles Wissen
Wie aus Informationssilos ein ‘Company Brain’ wird
16. März 2026 Jakub Zavrel, Gründer und CEO von Zeta AlphaTeilen
Steigende Komplexität, globaler Wettbewerb, geopolitische Spannungen und der demografische Wandel – die Industrie steht von mehreren Seiten zugleich unter Druck. Vor diesem Hintergrund wirkt die Einführung von KI für viele Unternehmen zunächst wie eine weitere Herausforderung. Tatsächlich geht es aber längst nicht mehr um die Frage, ob KI die Industrie verändern wird, sondern wo sie jenseits generischer Copiloten und isolierter Pilotprojekte den größten Mehrwert schafft.
KI für das gesamte industrielle Wissen spielt dabei die Schlüsselrolle
Fertigungsunternehmen verfügen über einige der wertvollsten Wissensbestände überhaupt: in technischen Dokumentationen, Handbüchern, Konstruktionszeichnungen, CAD/CAM-Daten, Wartungsprotokollen, ERP- und PLM-Systemen, SharePoint-Ordnern – und nicht zuletzt im Erfahrungswissen langjähriger Fachkräfte. In der Praxis bleibt dieses Wissen jedoch oft fragmentiert, schwer zugänglich und auf einzelne Systeme oder Teams verteilt. Das Ergebnis ist ein bekanntes Problem: Unternehmen wissen häufig nicht, was sie eigentlich alles wissen. Genau hier beginnt KI, die Spielregeln zu verändern.
Warum industrielles Wissen anders ist
In der Industrie geht es nicht darum, einzelne Mitarbeitende beim Schreiben von E-Mails oder beim Zusammenfassen von Meetings zu unterstützen. Es geht darum, die Organisation als Ganzes intelligenter zu machen: eine sichere, unternehmensweite Wissensschicht – ein Company Brain – verbindet Datenquellen, versteht technischen Kontext und hilft Mitarbeitenden, relevante Informationen schneller zu finden, einzuordnen und in Entscheidungen zu überführen. KI wird damit zu einem Instrument, das die kollektive Handlungsfähigkeit eines Unternehmens stärkt.
Genau darauf konzentrieren wir uns bei Zeta Alpha. Wir entwickeln die KI-Basisschicht für Wissen in der Industrie und arbeiten hierbei bereits mit Unternehmen wie Festo, BASF, OEDIV, Sartorius und Envalior zusammen. Unsere Überzeugung ist deutlich: Die nächste Welle industrieller KI wird nicht durch generische Standardlösungen geprägt, sondern durch Plattformen, die sich tief in Unternehmensumgebungen integrieren lassen, domänenspezifisches Wissen verstehen und verlässliche Antworten und Aktionen über Bereichsgrenzen hinweg ermöglichen.
Der eigentliche Engpass liegt dabei meist nicht im KI-Modell selbst. Aus unserer Erfahrung entfallen rund 80 Prozent der Herausforderungen auf die Dateninfrastruktur: Systeme anbinden, Informationen bereinigen und strukturieren, Berechtigungen korrekt abbilden und Wissen im richtigen Kontext präzise auffindbar machen. Während große Sprachmodelle aus führenden Labs wie OpenAI, Anthropic oder aus dem Open-Source-Umfeld immer leistungsfähiger – und zugleich austauschbarer – werden, verschiebt sich die Differenzierung in die Anwendungsschicht. Entscheidend ist, wie gut KI im eigenen Unternehmenswissen verankert ist, wie präzise sie an industrielle Prozesse angepasst wird und wie sicher sie sich in kontrollierten IT-Umgebungen betreiben lässt. Das ist nicht zuletzt eine Frage technologischer Souveränität.
Dafür braucht es mehr als eine Suchfunktion. KI für industrielles Wissen erfordert eine präzise abgestimmte, qualitativ hochwertige Suche, die fortgeschrittene Verfahren wie agentische Retrieval-Augmented Generation und aufgabenspezifische Deep-Research-Workflows nutzt. Vor allem aber braucht es Agenten, die mehr leisten als reine Frage-Antwort-Systeme: Sie müssen systemübergreifend recherchieren, Informationen zusammenführen und komplexe Aufgaben über längere Prozessketten hinweg unterstützen.
Im Kern geht es um KI für Menschen
In vielen europäischen Industrieunternehmen steht ein erheblicher Teil erfahrener Ingenieure, Techniker sowie Anlagenexperten kurz vor dem Ruhestand. Jahrzehnte an praktischem Wissen sind oft nicht in Systemen dokumentiert, sondern in den Köpfen der Menschen gespeichert. Gleichzeitig wird es immer schwieriger, ausreichend qualifizierte Fachkräfte zu gewinnen – bei zugleich wachsender Komplexität von Produkten, Regulierung und Produktionsumgebungen. Neue Mitarbeitende müssen schneller produktiv werden, finden das dafür nötige Wissen aber häufig nur mühsam über verschiedene Tools, Teams und Repositorien hinweg.
Deshalb ist KI-gestütztes Wissensmanagement nicht nur eine Technologiefrage, sondern auch eine Frage von Zusammenarbeit, Produktivität und Resilienz. Ein besserer Zugang zu Wissen reduziert die Abhängigkeit von einzelnen Wissensträgern, verkürzt Reaktionszeiten und verbessert die bereichsübergreifende Zusammenarbeit. Er erleichtert das Onboarding, erhöht die Servicequalität, vermeidet wiederkehrende Fehler und macht Expertise dort verfügbar, wo sie gebraucht wird. In diesem Sinne stärkt KI das menschliche System des Unternehmens: Sie hilft erfahrenen Mitarbeitenden, ihr Wissen zu skalieren, beschleunigt die Einarbeitung neuer Kolleginnen und Kollegen und erhöht die Handlungsfähigkeit der Organisation trotz Fachkräftemangel.
Besonders relevant sind in diesem Zusammenhang die jüngsten Fortschritte bei KI-Agenten. In industriellen Umgebungen ist ein nützlicher Agent keine spektakuläre Demo, sondern ein System, das Unternehmenswissen zuverlässig navigiert, Berechtigungen einhält, über verschiedene Quellen hinweg schlussfolgert und Mitarbeitende bei realen Aufgaben unterstützt. Ein Agent kann etwa die Ursache eines wiederkehrenden Problems identifizieren, indem er Serviceberichte, Produktdokumentation, Konstruktionsänderungen und Lieferanteninformationen zusammenführt. Oder er unterstützt eine Ingenieurin, indem er vor einer Entscheidung alle relevanten Informationen zu Design, Compliance und Wartung zusammenträgt. Genau an diesem Punkt wird KI vom Chatbot zum institutionellen Gedächtnis.
Können modernste KI-Modelle 3D-CAD-Modelle verstehen?
Ein besonders wichtiger Aspekt industrieller Expertise sind Engineering-Daten. Denn ein großer Teil des wertvollsten Wissens liegt nicht in Fließtexten vor, sondern in CAD-Dateien, technischen Zeichnungen, Fotos, Diagrammen und 3D-Modellen. Wenn KI in der Fertigung wirklich relevant werden soll, muss sie auch diese Formate verstehen können. Deshalb investieren wir gezielt in Verfahren, mit denen KI multimodale Engineering-Daten und sogar 3D-Modelle interpretieren kann. Denn die Zukunft des industriellen Wissensmanagements hängt davon ab, sprachbasierte KI mit der physischen und technischen Realität von Produkten, Maschinen und Produktionssystemen zu verbinden.
Wer gibt den Takt vor – Industrie oder Big Tech?
Viele Unternehmen wollen KI nutzen, sind aber zu Recht sensibel, wenn es um Datensicherheit, Compliance, geistiges Eigentum und strategische Abhängigkeiten geht. In industriellen Umgebungen sind diese Fragen nicht nachgelagert, sondern grundlegend. Sensible Produktdaten, Prozesswissen und Kundeninformationen dürfen nicht unkontrolliert in externe Systeme abfließen – etwa über die Shadow IT privater Geräte oder individueller KI-Abonnements. Souveräne KI bedeutet deshalb mehr, als Modelle in Europa zu hosten. Es bedeutet, Unternehmen die Kontrolle darüber zu geben, wohin Daten fließen, wie Systeme integriert und angepasst werden, welche Modelle zum Einsatz kommen und wie Sicherheit und Governance durchgesetzt werden.
Das verändert auch die klassische Build-or-Buy-Frage. Viele Unternehmen glauben, sie müssten sich entweder mit einem starren Standardtool arrangieren oder alles selbst entwickeln. Tatsächlich gibt es einen dritten Weg: anpassbare, sichere Plattformen wie Zeta Alpha, die sich On-Premises betreiben und an bestehende Systeme, Prozesse und Governance-Anforderungen anpassen lassen – ohne dass jedes Industrieunternehmen selbst zum KI-Softwarehaus werden muss.
Strategisch betrachtet geht es um mehr als einzelne Anwendungsfälle. Europa sollte KI nicht nur als Nutzer generischer Werkzeuge verstehen, die anderswo entwickelt wurden. Wir sollten auch die Anwendungsschicht aufbauen, die den Anforderungen unserer industriellen Basis gerecht wird. Rohmodelle mögen zur Commodity werden. Doch die Systeme, dank derer die KI nützlich, sicher und tief in industrielle Prozesse eingebettet wird, schaffen nachhaltigen Wert. Genau hier kann eine neue Generation starker europäischer Technologieunternehmen entstehen.
Auf der HANNOVER MESSE 2026 ist diese Debatte besonders aktuell. Die Zukunft industrieller KI wird nicht durch Hype entschieden, sondern durch die Frage, ob Unternehmen ihr eigenes Wissen im großen Maßstab nutzbar machen können. Wer das schafft, setzt KI nicht nur ein – sondern schafft die institutionelle Grundlage für das industrielle KI-Zeitalter.
Besuchen Sie Zeta Alpha in Halle 11, Stand E67, und nehmen Sie an unserem Vortrag „Wie Frontier-KI-Modelle 3D-CAD-Modelle für die Wiederverwendung von Bauteilen verstehen können“ sowie an der Podiumsdiskussion „Souveräne KI für die Industrie: Europas Stärken durch die Zusammenarbeit von Start-ups und Konzernen nutzen“ teil.
Bio: Jakub Zavrel ist Gründer und CEO von Zeta Alpha, einer europäischen, AI-native Enterprise-Search- und Knowledge-Navigation-Plattform. Das Unternehmen ermöglicht Kunden aus Hightech-Industrie, Life Sciences und Chemie, maßgeschneiderte KI-Agenten sicher auf ihrem internen Wissen einzusetzen. Jakub Zavrel ist KI-Forscher, Unternehmer und Technologe und setzt sich für den Aufbau starker, unabhängiger und langfristig nachhaltiger europäischer Technologieunternehmen ein.
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