Roboterethik: Kant im Controller, Platon auf der Platine?
„Handle so, dass du die Menschheit sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden anderen jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchst“ – Immanuel Kant adressierte diesen zentralen Bestandteil seines Kategorischen Imperativs, nicht nur unter Philosophen als KI bekannt, an den Menschen.
5. Jan. 2026Teilen
Kants Forderung heute auch an der Schwelle zur Autonomie stehende, von künstlicher Intelligenz geleitete Roboter zu richten, scheint naheliegend, ist aber wenig hilfreich. Denn gerade die einsichtigsten unter den KI-Modellen räumen ein, dass sie den Sinn des Kategorischen Imperativs nicht erfassen können. Um der Robotik dennoch rechtliche und ethische Orientierung zu geben, wurde im November 2025 das Projekt BRIDGE ins Leben gerufen.
„Eine KI kann den Kategorischen Imperativ operationalisieren, aber nicht verstehen oder befolgen im kantischen Sinn. Sie kann moralisches Verhalten nachahmen, nicht moralisch handeln“, so ungewohnt bescheiden äußerte sich ChatGPT am 30.12.2025. Mit diesem geradezu sokratischen „ich weiß nur, dass ich nichts weiß“-Eingeständnis zeigt die KI, wie nah sie dem menschlichen Geist gekommen ist –unter den natürlichen Intelligenzen gelingt es schließlich ganz offensichtlich auch nicht immer, den Kategorischen Imperativ zu verinnerlichen.
Deutschland baut Asimov eine Brücke
Um dennoch der Robotik ethische Orientierung zu geben, formulierte Isaac Asimov als erster in der 1942 veröffentlichten Kurzgeschichte Runaround eine explizite, drei Gesetze umfassende Roboterethik. Erstens: Ein Roboter darf keinen Menschen verletzen oder durch Untätigkeit zulassen, dass einem Menschen Schaden zugefügt wird. Zweitens: Ein Roboter muss den Befehlen der Menschen gehorchen – es sei denn, solche Befehle stehen im Widerspruch zum Ersten Gesetz. Und drittens: Ein Roboter muss seine eigene Existenz schützen, solange dieser Schutz nicht im Widerspruch zum Ersten oder Zweiten Gesetz steht. Diese der Literatur entstammenden Gesetze gelten bis heute als historischer Ausgangspunkt systematischer ethischer Überlegungen zum Verhalten von Robotern und autonomen Systemen, dessen jüngste Interpretation mit dem Projekt BRIDGE erfolgt. Im November 2025 gestartet, soll es als neues, bundesweites wissenschaftliches Begleitvorhaben eine Lücke schließen, die viele Robotikprogramme weltweit kennen: Zwischen starken Laborergebnissen und skalierbarer Praxis liegen häufig Rechtsunsicherheiten, Ethikfragen, fehlende Standards sowie offene Fragen in den Bereichen Safety/Security und Mensch-Maschine-Interaktion. BRIDGE positioniert sich genau an dieser Schnittstelle – und setzt damit einen neuen Akzent in einem Kontext, der international seit einigen Jahren unter Stichworten wie Responsible Robotics, Societal Readiness oder ELSA-by-design (Ethical, Legal and Social Aspects) immer mehr an Bedeutung gewinnt.
Wohin führt BRIDGE?
BRIDGE steht für „Begleitvorhaben für Robotik, Informationsrecht, Dissemination, Green Tech und Ethik“ und unterstützt bundesweit die 16 geförderten Robotikprojekte der Initiative „Digital GreenTech – Umwelttechnik trifft Robotik“ des Bundesministeriums für Forschung, Technologie und Raumfahrt, mit denen Deutschland zum Leitmarkt für intelligente und sichere Robotik im Umweltbereich werden soll. Das vom FZI Forschungszentrum Informatik koordinierte Vorhaben ist für den Zeitraum 01.11.2025 bis 31.10.2028 auf 36 Monate angelegt und soll mit rund 750.000 Euro finanziert werden. Im Zentrum steht laut Aussage der Projektverantwortlichen nicht die Entwicklung eines einzelnen Roboters, sondern die Beschleunigung und Absicherung der Überführung in Umweltanwendungen. Beispielsweise in der Kreislaufwirtschaft, beim Monitoring, der Wartung/Instandhaltung oder der Land-/Forstwirtschaft durch rechtlich-ethische Orientierung und Transfer in Normung und Praxis.
BRIDGE setzt auf Konsortium
Organisatorisch setzt BRIDGE auf ein nach Bereichen spezialisiertes Konsortium: Das FZI Forschungszentrum Informatik übernimmt mit den Schwerpunkten KI/Robotik, Informationsrecht und Koordination die Führung, ethische Dimensionen adressiert das Internationale Zentrum für Ethik in den Wissenschaften (IZEW) der Universität Tübingen und das DIZ | Digitales Innovationszentrum verantwortet die Bereiche Vernetzung, Wissenschaftskommunikation und Wissenstransfer. Inhaltlich strukturiert BRIDGE seine Leistungen in drei Stränge: Enable & Support (Workshops, Statusseminare, „Points-to-Consider“-Checklisten), Analyse & Orientierung (u. a. Produktsicherheit, Haftung, Datenschutz, IT-Sicherheit, Autonomie/Governance) sowie Transfer & Standards (Leitfäden, Dialogformate, Anbindung an Standardisierungsgremien).
Neuer Kompetenzverbunds Humation bringt Menschen und Maschinen zusammen
Die Richtung, in die BRIDGE führt, ist auf der ganzen Welt als klarer Trend erkennbar: Robotikprogramme werden zunehmend von querschnittlichen Governance- und Akzeptanzbausteinen flankiert. Wie sich Menschen und Maschinen so zusammenbringen lassen, dass beide voneinander profitieren, steht beispielsweise als Frage im Mittelpunkt des neuen Kompetenzverbunds Humation – Humanzentrierte Automation, den die Universität Bielefeld und das Fraunhofer IOSB-INA in Lemgo jüngst gemeinsam gegründet haben. Ziel ist es, die Interaktion zwischen Menschen, KI und Automatisierung so zu gestalten, dass Arbeitsprozesse sicherer, flexibler und effizienter werden und gleichzeitig der Mensch im Zentrum bleibt. „Wir wollen Technologien dahingehend entwickeln, dass sie die Fähigkeiten des Menschen erweitern, nicht ersetzen“, sagt Dr.-Ing. Marc Hesse, Teamleiter Cognitronics an der Universität Bielefeld und Mitglied des wissenschaftlichen Beirats des Center for Cognitive Interaction Technology (CITEC). „Wenn Mensch und Maschine als Partner zusammenarbeiten, entsteht ein hybrides Team, das kreativer, adaptiver und nachhaltiger arbeitet.“
National und international anschlussfähiger Ansatz
Ein prominentes Beispiel für die aktuellen Entwicklungen in der Roboterethik ist auch die EU-Koordinations- und Support-Action Robotics4EU, die „Responsible Robotics“ in der Community verankern will und dafür unter anderem einen Societal Readiness Plan und Assessment-Modelle bereitstellt. Der Fokus liegt darauf, Akzeptanz-, Risiko- und Wertefragen frühzeitig in Produktentwicklung und Einführung zu integrieren – also genau jene „Übersetzungsarbeit“ zu leisten, die BRIDGE für den GreenTech-Kontext national organisiert. Zudem zeigen weitere Projekte wie SIENNA, wie stark sich die Debatte professionalisiert hat: Dort wurden ethische, rechtliche und menschenrechtliche Anforderungen für KI und Robotik systematisch analysiert und in Frameworks sowie Empfehlungen überführt. BRIDGE setzt im Unterschied dazu voraussichtlich stärker auf die operative Begleitung konkreter, geförderter GreenTech-Robotikvorhaben – sollte aber methodisch von solchen internationalen ELSA-Projekten profitieren können, beispielsweise bei der Strukturierung von Leitlinien und der Stakeholder-Kommunikation.
Internationale Policy- und Standardisierungsinitiativen
Ein dritter Referenzrahmen sind internationale Policy- und Standardisierungsinitiativen, die – vergleichbar mit BRIDGE – den Transfer in konkrete Umsetzungsmechanismen betonen. Hierzu zählen etwa die IEEE-Aktivitäten zu Ethik und Governance autonomer, intelligenter Systeme, die ausdrücklich darauf zielen, ethische Prinzipien in Standards und Entwicklungspraktiken zu übersetzen. BRIDGE adressiert diesen Hebel über die gezielte Anbindung an Standardisierung und Normungsinstrumente wie DIN SPEC/VDE-Formate, die im Projektdesign explizit genannt werden.
„GreenTech-Robotik“ als Testfeld für Responsible Robotics
Der strategische Kern von BRIDGE liegt damit weniger in einer weiteren Robotik-Demonstration, sondern in der Etablierung eines wiederverwendbaren Vorgehensmodells: Wie werden robotische Systeme für Umweltanwendungen rechtssicher, ethisch reflektiert, IT-sicher und standardisierungsfähig – und wie gelangt dieses Wissen so in die Breite, dass nachfolgende Projekte schneller skalieren können? Genau dieses Muster lässt sich weltweit beobachten: Robotik wird zunehmend nicht nur als Ingenieurdisziplin, sondern als soziotechnisches System verstanden, das Akzeptanz, Regulierung und Standards von Beginn an mitdenken muss.
Industriepolitische Relevanz
Für Deutschland ist der „Startschuss“ für BRIDGE daher auch industriepolitisch relevant: Wenn das Projekt die 16 GreenTech-Vorhaben mit praxistauglichen „Points-to-Consider“, belastbaren Analysen und Standardisierungspfaden so unterstützt, dass Markteintrittsrisiken sinken und die Time-to-Impact kürzer wird, entsteht ein Blaupausen-Effekt – national für Umwelttechnik-Robotik und international als anschlussfähiges Beispiel für Responsible-Robotics-Begleitforschung
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