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Industrie 4.0

Paradoxer Maschinenbau: Industrie 4.0 schafft noch keine Produktivität

VDMA Impuls Studie diagnostiziert sinkende Produktivität und gleichzeitig bescheinigt die aktuelle Wettbewerbsstudie des WEF Deutschland den Spitzenplatz bei Innovation. Ein paradoxes Ergebnis? Der genauere Blick auf die Studien lohnt.

17.10.2018
Prof. Volker Banholzer
Industrie 4.0
Industrie 4.0 schafft noch keine Produktivität aber Deutschland ist innovativ

Sind Digitalisierung und Industrie 4.0 auf dem Weg ins Tal der Ernüchterung, wie der Gartner-Hypecycle den Abstieg vom Gipfel überzogener Erwartungen beschreibt? Zumindest legt dies eine gemeinsame Studie des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW), Mannheim, und des Fraunhofer-Instituts für System- und Innovationsforschung (ISI) nahe. Die Studie wurde im Auftrag der IMPULS-Stiftung des Verbandes Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) verfasst. Demnach ist die Produktivität im Maschinenbau seit den Turbulenzen der Finanzkrise der Jahre 2008/09 gesunken obwohl Auslastung und auch Mitarbeiterzahlen kräftig gestiegen sind. Gleichzeitig bescheinigt die aktuelle Ausgabe des World Competitiveness Report des WEF einen Spitzenplatz bei Wettbewerbsfähigkeit und sogar Platz eins in der Kategorie Innovationsfähigkeit. Scheinbar widersprüchliche Ergebnisse, die einen Blick in den jeweiligen Ansatz der Studien erfordern.

Die Forscher von ZEW und Fraunhofer sehen ein Bündel auch sich gegenseitig verstärkender oder bedingender Ursachen für das Produktivitätsparadoxon. Die hohen Anfangsinvestitionen in die Digitalisierung werden erst später rentieren, hinzukommen laut Studie statistische Effekte bedingt durch eine zunehmende Internationalisierung des Maschinenbaus sowie ein größer werdender Dienstleistungsanteil in der Branche rund um die neuen Produkte und Methoden. Und: Die amtliche Statistik würde die Preissteigerung tendenziell über- und die Produktivitätsentwicklung dadurch unterschätzen. Die Erkenntnis, dass bei Einführung einer neuen Technologie zunächst mehr Aufwand entsteht als Rationalisierungseffekte oder neue Geschäftsmodelle Gewinn abwerfen ist nicht neu. Die erste Welle der Digitalisierung, die Einführung von Computern in Verwaltung und Fertigung hatte eine umfangreiche Forschung ausgelöst, die das seinerzeitige Produktivitätsparadoxon erklären sollte. Robert Solow hatte 1987 bereits auf fehlende oder sogar negative Wirkungsbeziehung zwischen der Höhe des IT-Einsatzes und Produktivitäts- oder Rentabilitätssteigerungen eines Unternehmens hingewiesen.

Wie jede wissenschaftliche Erklärung hat auch das Produktivitätsparadoxon Kritik erfahren und wurde hinterfragt. Mit dem Verweis auf unzureichende Messungen der Input- und Output-Veränderungen wurde das Paradoxon zur sogenannten statistischen Illusion erklärt. Erik Brynjolfsson, der Co-Autor des Bestsellers „Second Machine Age“, beschreib Anfang der 1990er drei weitere Gründe für die Existenz des Paradoxons relativierte aber damit auch die Aussagekraft. Einerseits existierten Verzögerungen zwischen Technologieeinsatz und -wirkung, zudem würden die Gewinne zwischen Unternehmen redistribuiert und andererseits würden oftmals Managementfehler die Nutzung der Technikpotentiale einschränken. Das aber insgesamt positive Fazit von Brynjolfsson seinerzeit: Investitionen in die Informationstechnologie sind deutlich produktiver als herkömmliche Investitionen. Diese Analyse klingt versöhnlicher und relativiert die noch zurückhängende Produktivität auch mit Blick auf Industrie 4.0.

Deutschland ist Innovationsweltmeister

Das WEF bewertet jährlich verschiedenste Kategorien, um die Wettbewerbsfähigkeit von Volkswirtschaften zu beschreiben, dazu gehören der Maschinenbau aber eben auch andere Branchen. Zu den insgesamt zwölf Indikatoren gehören die Innovationsfähigkeit, die Stabilität des Finanzwesens, das Bildungswesen, die makroökonomische Stabilität, die Infrastruktur und das Gesundheitswesen. Das WEF bescheinigt deutschen Unternehmen, sich gut auf die Digitalisierung eingestellt zu haben. Im internationalen Vergleich rangieren deutsche Unternehmen dabei auf Platz vier. Den Platz eins als innovationsfähigstes Land basiert auf der Auswertung der Zahl der angemeldeten Patente, der wissenschaftliche Veröffentlichungen und der Zufriedenheit der Kunden mit deutschen Produkten. Den Kontakt zum Kunden zu behalten, das ist auch für Rolf Najork, den Vorstandsvorsitzenden von Bosch Rexroth, entscheidend. Die „Customer Intimacy“ sei der Vorteil der Industrie am Standort Deutschland. Das brächte auch den Vorteil, dem Kunden immer einen Schritt voraus zu sein, um für ihn auch weiterdenken zu können, so Najork.

Das überaus positive Abschneiden des Standorts Deutschland im Wettbewerbsbericht des WEF nimmt trotzdem ein wenig Wunder. Hat man noch vor Augen, dass sich Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier in Berlin auf dem Maschinenbaugipfel so wörtlich „für die Bundesregierung entschuldigen“ musste für, nämlich dafür, dass die Umsetzung der digitalen Infrastruktur weit hinter allen Vorstellungen zurückgeblieben sei. Die Wahrheit liegt wahrscheinlich in der Mitte. Einerseits können Branchen wie der Maschinenbau auf eine Erfolgsbilanz blicken. Andererseits wandelt sich die mechatronische Welt gerade hin zu einer Softwarewelt, wie es Najork von Bosch Rexroth ausdrückt. Und das bringe neue Geschäftsmodelle, neue Qualitätsbegriffe und neue Geschwindigkeiten. Genau mit Blick auf diesen Dreiklang forderte Najork die Industrievertreter auf dem Maschinenbaugipfel auf, die Digitalisierung anzunehmen und den Wechsel von einer Mykrometer-Philosophie hin zum Fokus auf Time-to-Market zu vollziehen. Dann klappt es auch mit der Produktivität und mit dem Wiederholen der guten Ergebnisse beim Wettbewerbsreport des WEF.